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Die Robbenschwalbe

Anlässlich des Pokalspiels VfL Bochum gegen den FC Bayern, des Elfers mit der roten Karte, zusätzlich motiviert durch die Freitagspartie Mainz gegen Schalke
von Tom Besch im Februar 2016

Noch in Gedanken an die Diskussion um die Elfmeterszene beim Pokalviertelfinale zwischen Bochum und Bayern, habe ich das Bundesligaspiel Mainz gegen Schalke geguckt. Eine einzige Aneinanderreihung von Versuchen, den Gegner beim Schiedsrichter in Misskredit zu bringen - bisweilen gruselig.
Das fast jeder Fußballer die Hand hebt und "meiner" schreit, wenn es um einen Einwurf geht, mag noch ein Reflex sein, aber die Schauspieleinlagen, die man zuweilen im deutschen Profifußball sieht, zeigen eine Schieflage des Strafenkataloges auf dem Fußballplatz einerseits und fehlenden Respekt für den Sport und den Gegenspieler.
Beispiel: eine Szene an der Eckfahne. Spieler A geht unnötig hitzig in einen Zweikampf, trifft, wenn überhaupt nur leicht seinen Gegenspieler. Der aber tut so, als hätte er den Ellenbogen seines Kontrahenten direkt auf die Zwölf bekommen. Kindergarten.

Der ehemalige Bochumer Profi Paul Freier hat mal ein Foul begangen, dass mich als Fan zuerst zum Lachen gebracht hat, im Grunde aber genauso eine Unsportlichkeilt war. Er lief links neben seinem Gegenspieler, stellt im vollen Lauf sein rechtes Bein vor seinen Gegner, der so nicht mehr machen konnte, als ihn umzurennen. Das war so geschickt gemacht, dass es mit realer Geschwindigkeit nach einem bösen Foul ausgesehen hat und erst in der Zeitlupe zu erkennen war, das sich der Spieler mit dieser Aktion absichtlich in die Hacken treten ließ.

Als Einzelszene absolut zum Schmunzeln, aber nicht vorbildlich. So oder so ähnlich sieht man es oft im bezahlten Fußball. Meistens unattraktiv, oft ärgerlich, nie fair.

Für den geübten Betrachter gut zu erkennen, von uns, die wir alle Trainer und Schiedsrichter sind, neutrale Instanzen selbstredend. Da habe ich persönlich auch eher Probleme ein Foul beim Handball als solches zu erkennen. Aber ich bin ja nicht Kretsche.

Deutlich weniger Chancen als Paul F. hätte Arjen Robben in Hollywood, zu plump und zu ausgelutscht ist seine Robbenschwalbe (Arme hoch, Rücken durchgestreckt und kurz abdrücken). Erfolg hat er dennoch damit, immer wieder.

Aber wieso. Klar, der Schiri hat keine Zeitlupe, trotzdem ist das doch viel zu häufig am Wochenende zu sehen. Will ich nicht. Nervt. Vor allem von Spielern, die es anders lösen könnten. Eine Schwalbe hat man als Option im Hinterkopf und macht sie oder man ächtet sie für sich und hat diese Option gar nicht parat. Nicht nur Leroy Jethro Gibbs glaubt nicht an Zufall :-)

Wie oft habe ich es schon gesehen, dass ein Spieler seine gute Torchance nicht nutzt und stattdessen lieber auf Elfmeter oder einen Freistoß spekuliert. Das ist nicht attraktiv, da fehlt mir der sportliche Ehrgeiz.

An dieser Stelle darf man mal ins Mutterland des Fußballs schauen. Nicht das es dort keine Schwalben gibt, aber die Fans dort zeigen ihren Unmut eher, wenn der Fußballer als solcher mehr Theater als Fußball spielt. Ein fachkundiges Publikum weiß durchaus zu unterscheiden, ob der Sportler wirklich Grund hat am Boden zu liegen. Übermäßiges Getue wird mit sportlicher Verachtung bestraft. Alles bekannt und hoch geschätzt. Vielleicht etwas glorifiziert, mit eben dem Begriff der typisch englischen Tugend: abputzen, weiterspielen.

Auch hierzulande schätzt man es nicht, wenn der Spieler sich 3 Minuten auf dem Boden wälzt, um dann sofort einen Vollsprint hinzulegen. So was wird mit wütenden Pfiffen quittiert und heizt die Stimmung auf. Trotzdem immer wieder gern genommen. Wird ja auch zu selten bestraft, kann man machen.

Kommen wir zum Pokalspiel Bochum gegen Bayern. Nach jetziger Regelauslegung war der Elfmeter vollkommen korrekt. Es gab ganz klar eine Berührung. Keine Fehlentscheidung. Die rote Karte kann man dann geben, wenn durch das Foul eine klare Torchance verhindert wurde.

Wieso rege ich mich, wieso regt sich Fussballdeutschland trotzdem auf?

Als Bochumer rege ich mich auf, weil die Szene spielentscheidend war. Das gleiche gilt für alle, die dem Underdog die Daumen gedrückt haben. Es finden sich bestimmt auch Bayernfans, die sich da anschließen können, wenn man feststellt: die Rote war zu hart. Die "Mirsanmir" Fans freuen sich dagegen diebisch über den "klaren" Elfer. Ja, wo Sammer denn?

Wer oder was ist also Schuld an soviel Unmut?

Die Regel, die Auslegung und die fehlende Einstellung bei allen Beteiligten: Fans, Spieler, Verband und Medien.

These: Wenn der Fußballfan im deutschen Stadion ein Stück britischer wäre, dann wäre die Auslegung der Regel und die Regel selbst nicht so oft im Mittelpunkt.

Noch eine These: Herr Robben würde in England deutlich seltener abheben.

Die Medien, speziell das Fernsehen, manipulieren uns den ganzen Tag, da könnte man sicher auch ein Bewusstsein schaffen oder schärfen, für den Sport unter Gentlemen. Gleichzeitig die unfairen Tricks und Schauspielerei entlarven und an den Pranger stellen. "Ich mach heute lieber keine Schwalbe, sonst bekomme ich wieder die rote Robbe verliehen"

"Das muss man als Profi heutzutage machen, so ein Elfer/Freistoß ist oft der Sieg" So oder so ähnlich höre ich es im Fernsehen oder lese es in Kommentaren bei Twitter und Co.

Nein, muss man nicht. Punkt. Schon gar nicht als Bayer gegen Bochum.

"Es geht um viel Geld, da ist alles erlaubt, was nicht verboten ist"

Nicht falsch, aber echte Helden sind doch die, die uns den oft genannten Gentleman vorleben, den Gegner mit Respekt bespielen und eben ohne linke Tricks auskommen. Davon gibt es eine ganze Menge. Auch. Oder sind so Typen wie zB Lahm, Reus oder Peer Mertesacker eine bedrohte Art? Ich glaube nicht, wenn die Rahmenbedingungen entsprechend sind, man Fairplay entsprechend würdigt. Nicht umsonst hat sich einer wie Raúl in (fast) alle Herzen gespielt. Ist doch toll, wenn ein Spieler mal sagt: "Herr Schiedsrichter, sorry, war keine Ecke." Ab und an gibt es das ja auch.
Den Rahmen stellt das Regelwerk und für die Auslegung der Regeln sind DFB, DFL und Co. zuständig.

Der DFB fördert sehr vorbildlich den fairen Umgang miteinander - im Sport und deutlich darüber hinaus. Stichwort Respekt. Wieso regen wir uns immer noch über immer die gleichen Passagen im Regelwerk auf? Ihr Verbände und Ligabosse, ihr könnt den größten Schritt machen.

Ihr könnt nicht im Alleingang die weltweiten Regeln ändern, aber eure Schiedsrichter anders ausrichten, das könnte gehen. Oder was meinen Sie, Herr Gagelmann?

Regelauslegung


Bleiben wir beim Elfmeter im Pokal und der Bestrafung. Rote Karte für Jan Šimunek, nach leichter Berührung, so stelle ich bemüht neutral fest. Für beide Trainer zu hart, aber den Regeln entsprechend. Hallo? Da ist doch Handlungsbedarf überdeutlich. Wenn mit dem Philosophen, dem Knurrer und im TV auch noch mit dem Helden in Wolle gleich drei Profis und Kenner der Materie einer Meinung sind, dann muss doch was verkehrt sein. Mehmet tu was, misch dich da mal ein. Dir traue ich da was zu. Auch andere Ehemalige, wie zB Marco Bode, Metzelder oder auch aktive Spieler wie Hummels, Stranzl… Etliche scheinen mir geeignet, an den richtigen Fäden ziehen zu können. Fehlende Strukturen, fehlendes Bewusstsein?

Was also genau ändern?

Möglichkeit 1: keine Karte, Elfmeter als Strafe
Untauglich: Zu hoher Anreiz für die Notbremse als Option, es könnte ja gutgehen.


Möglichkeit 2: Bewertung des Foulspiels, unabhängig vom Ort des Geschehens, d.h. Zärtliches Zupfen reicht nicht, schweres Textilfoul gibt gelb und die regelwidrige Grätsche von hinten rot.

Ende.


Umgekehrt konsequente Bestrafung von Schwalben. Wenn wir das mal jetzt als Rahmen sehen, dann hätte es Elfmeter für Bayern gegeben, ohne Karte für den Bochumer. Wenn der Schiedsrichter den anschließenden Flug für unnötig erachtet und ein Weiterlaufen für möglich gehalten hätte, so wäre eine gelbe Karte für Herrn Robben das Ergebnis gewesen. Beides vertretbar, beides Sache des Schiedsrichtergespanns. Auch keine riesige Hürde, wie mir scheint.

In der oben genannten Szene des Freitagspiels Mainz gegen Schalke hätte ich den beiden Protagonisten Gelb gegeben, dem einen für das hitzige, nicht mehr ganz sportliche Auftreten, dem anderen für die Schauspielerei danach. Die 2. fast noch eher.
Es sind nur wenige Änderungen in unserem geliebten Spiel nötig und ich bin klar gegen ständige Änderungen am Regelwerk, aber hier sind es Begriffe wie Ehrlichkeit, Ethik und eben Respekt, die 'nur' die Auslegung der Regeln prägen sollten.
Sagt mal DFB, packt ihr das an?

Lieber Herr Robben, du bist schnell, wendig, ballsicher, routiniert und besonnen, hättest du fallen müssen?
Ihr Spieler müsst das Spiel auf dem Platz umsetzen. Stört es dich nicht, wenn du landesweit als super Fußballer mit dem Makel des Schwalbenkönigs behaftet bist? Vielleicht müsste es eine schlechtere Bewertung im Fifa Spiel für die Spielekonsole geben, die könnten das Thema mal aufgreifen. In einer Version konnte man mal Schwalben als Trick machen, das wurde vermutlich aus Gründen der sportlichen Ethik wieder abgeschafft, da ist für kommende Versionen sicher mehr drin, mit dem richtigen Ansatz.

Viel zu naiv und romantisch, das höre ich bei solchem Thema schnell.

Lieber Arjen Robben, nochmal was zum Schluss: Respekt. Dein Augenstecher war nicht absichtlich, obwohl die Hand da nicht hingehörte. Während das Netz noch schimpft, hast du aber längst mit Timo Perthel gesprochen, persönlich telefonisch, das hab ich auf dem Platz vermisst, aber erledigt. Noch romantischer und sportlich fair liest sich Timo Perthels Bildunterschrift und Reaktion bei Instagram selber. Nochmal Respekt.

Zitat: "So hatte ich mir das Spiel und meinen Geburtstag definitiv nicht vorgestellt...Ich hätte mich gerne länger mit Arjen Robben duelliert Vielen Dank für die zahlreichen Glückwünsche und Genesungswünsche! Sogar Arjen hat mich angerufen & sich entschuldigt - wobei ich mir sicher bin das es keine Absicht war. Tolle Aktion"

Ich bin gerührt meine Herren. Das Gegenteil von Hetze. Gentlemen like.

Alles wieder harmonisch? Ok, dann lass ich das Thema Handspiel für ein anderes Mal unberührt.


In meiner Welt geht dat!

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